Woher wir kommen

Die Geschichte unseres Hauses

Als wir 2022 zum ersten Mal im Esszimmer des Masterpiece standen, zwischen den Betonwänden, die einmal Weinfässer waren, dachten wir: Dieses Haus hat schon viel gesehen. Wie viel genau, haben wir erst diesen Sommer verstanden — mit zwei alten Karten, einem okzitanischen Wort und einem Kanal, der einmal ein Fluss war.

Der Wohn- und Essbereich im Masterpiece mit rundem Tisch, Bücherregal und einer rauen Betonwand in der Nische dahinter
Das Esszimmer im Masterpiece: Die raue Wand in der Nische ist die Ecke eines ehemaligen Weinfasses aus Beton.

Ein Wort auf einer Karte

Auf der Carte de Cassini, der ersten vollständigen Landkarte Frankreichs aus der Zeit vor der Revolution, steht an unserer Stelle ein einziges Wort: la Jasse. Kein Hof- oder Familienname, sondern Okzitanisch für Schafstall. Hier unten, zwischen Kanal und Lagune, wo das Land flach, feucht und salzig war, wurden Schafe gehalten — und irgendwann stand dafür ein Gebäude.

Knapp fünfzig Jahre später heißt derselbe Ort Bergerie Carbonel: So steht es im napoleonischen Kataster von Narbonne, das 1825 vermessen wurde, und so übernimmt es die Carte d'état-major um 1850. Dieselbe Funktion, jetzt auf Französisch, und dazu ein Name — sehr wahrscheinlich der des damaligen Besitzers. Aus Carbonel wurde irgendwann La Carbonnelle; auf der IGN-Karte von 1950 steht der Name schon so, wie das Haus bis heute heißt.

Ausschnitt der handkolorierten Cassini-Karte: der Schriftzug „la Jasse“ mit einem kleinen Gebäudesymbol am Ufer der Robine, links der schraffierte Étang
Um 1780 — Carte de Cassini, Blatt 58 Narbonne: „la Jasse" (BnF / IGN)
Ausschnitt der Carte d'état-major: die Robine als blaue Doppellinie, daneben in Schreibschrift „B.ie Carbonel“, darunter „Gd Mandirac“, links „Ancienne Saline“
Um 1850 — Carte d'état-major: „Bergerie Carbonel" (© IGN)
Ausschnitt der topografischen IGN-Karte von 1950 mit dem Eintrag „la Carbonnelle“ am Kanal, daneben „Gd Mandirac“ und „Ste Louise“
1950 — Carte IGN 1:50 000: „la Carbonnelle" (© IGN)
Aktuelles Luftbild: das Haus mit Pool am Ostufer des Kanals, links Rebzeilen, rechts Weiden und der Weg nach Osten
Heute — Luftbild: das Haus am Kanal, links Reben, rechts der Weg nach Osten (© IGN)

Ein Ort, vier Blicke: Schafstall, Bergerie Carbonel, La Carbonnelle — und heute.

Alle Karten zeigen die Schäferei dort, wo heute unser Haus steht: am Ufer der Robine, neben dem Weg, der vom Kanal nach Osten führt. Ob unsere Mauern noch dieselben sind wie damals, wissen wir nicht sicher — alte Karten sind grob, und die Schäferei kann mehrmals um- und ausgebaut worden sein. Aber die dicken Wände und die Kühle im Erdgeschoss, die unsere Gäste im Sommer so schätzen, sprechen für ein Wirtschaftsgebäude, das älter ist als alles, was heute drumherum steht.

Vom Schafstall zum Weinkeller

Was aus der Schäferei ein Weingut machte, erzählt das Haus selbst. Der Trakt, in dem heute das Masterpiece liegt, bestand aus fünf Betonfässern, in denen hier einmal Wein lagerte — wir haben sie nicht herausgerissen, sondern bewohnt: Zwei sind heute das Esszimmer, eines der Durchgang mit der Patina, und aus den beiden letzten wurden das Bad des Masterpiece und das Bad des Studios. Solche Cuves en béton gehören zur großen Weinzeit des Languedoc: Nachdem die Reblaus Ende des 19. Jahrhunderts die alten Weinberge vernichtet hatte, wurde die Ebene um Narbonne im großen Stil neu bepflanzt, und flaches Land am Kanal war billig und transportnah. Die Ufer der Robine säumen bis heute die Chais aus dieser Epoche. Irgendwann in dieser Zeit wurde aus Schafen Wein — auch hier.

Fleckige, grau-beige Betonwand mit Patina, davor ein schwarzer Kleiderständer aus Metall und eine Holzbank
Die Natursteinfassade des Hauses mit Giebel, hellblauen Fensterläden und einem Oleander, davor ein kleiner Bistrotisch im Gras

Die Patina der alten Fässer im Masterpiece — und die Bruchsteinmauern, die älter sind als alles, was später angebaut wurde.

Auf dem Luftbild aus den 1950er Jahren ist das Haus ein kleiner Hof am Kanal, und ringsum liegen Parzellen mit feinen Reihen: Reben. Sie stehen bis heute — der Weg vom Kanal zum Studio führt an ihnen vorbei.

Schwarz-weißes Luftbild aus den 1950er Jahren: der Kanal als dunkles Band, daran ein kleiner Hof, ringsum schmale Rebparzellen
Ein roter Wegweiser mit den Aufschriften „Studio“ und „Bike Path“ vor einer grünen Rebzeile, im Vordergrund ein Holzsteg

Reben um das Haus: auf dem Luftbild von 1950 bis 1965 (© IGN) — und heute am Weg zum Studio.

Was das Kataster verrät: Anfang September 2026 kam die Antwort aus Carcassonne: die kompletten Pläne des napoleonischen Katasters von Narbonne, 83 Blätter, vermessen 1825. Auf dem neunten Blatt der Sektion C steht sie, klein und rot eingezeichnet: die Bergerie Carbonel, Parzelle 752 — ein einzelnes Gebäude direkt am Treidelpfad, ringsum die Weiden mit den Nummern 750 bis 761. Der Name ist damit ein Vierteljahrhundert älter, als wir dachten.

Ausschnitt des handgezeichneten Katasterplans von 1825: die grün angelegte Robine mit dem Treidelpfad, daneben ein kleines rotes Gebäude mit der Nummer 752 und der Beschriftung „Bergerie Carbonel“, ringsum nummerierte Parzellen
Blatt C9 des napoleonischen Katasters, vermessen 1825: die Bergerie Carbonel, Parzelle 752, direkt am Treidelpfad. Archives départementales de l'Aude, 3 P 5768.

Was wir noch nicht wissen: Wer Carbonel war und ob er es war, der den Wein anfing. Die Pläne zeigen Parzellen, keine Namen — die stehen im Sektionsverzeichnis und in den Steuerlisten, und die liegen nur im Lesesaal in Carcassonne. Das ist unser nächster Winterausflug. Sobald wir wieder etwas wissen, schreiben wir hier weiter.

Warum vor unserer Tür ein Kanal fließt

Die Robine wirkt heute wie ein ruhiger Nebenarm, angelegt für Hausboote und Radfahrer. Tatsächlich ist sie älter als alles, was sonst in dieser Landschaft menschengemacht ist — und sie war einmal der Fluss selbst.

Narbonne ist die älteste römische Kolonie außerhalb Italiens, gegründet 118 v. Chr. an der Via Domitia, der Straße von Italien nach Spanien. Die Aude, damals Atax, floss mitten durch die Stadt und weiter über die Lagunen zum Meer; die Römer fuhren sie mit Booten bis zur Küste, und Narbonne wurde zu einem der wichtigsten Häfen des westlichen Mittelmeers. Der Pont des Marchands, heute eine der letzten bewohnten Brücken Frankreichs, steht noch immer dort, wo die Römerstraße den Fluss überquerte.

Der Canal de la Robine in Narbonne mit blühender Fußgängerbrücke und der Kathedrale Saint-Just im Hintergrund
Die Robine mitten in Narbonne: Wo heute Hausboote liegen, floss bis ins 14. Jahrhundert die Aude.

Dann, nach der Überlieferung im Jahr 1316, kam die Flut. Ein gewaltiges Hochwasser der Aude verwüstete die Stadt und suchte sich ein neues Bett — nördlich an Narbonne vorbei, dort, wo der Fluss heute noch fließt. Das alte Flussbett durch die Stadt fiel trocken. Narbonne verlor seinen Zugang zum Meer und damit seine Lebensader.

Die Narbonner gaben nicht auf. Sie leiteten Wasser der Aude in das verlassene Bett zurück und machten daraus einen Kanal: die Robine — ein Wort, das auf Okzitanisch schlicht „Kanal" bedeutet, so wie jasse Schafstall heißt. Jahrhundertelang wurde sie vertieft, begradigt, wieder verschlammt und erneut ausgebaut. Fünf Jahre nach der Eröffnung des Canal du Midi bekam die Robine 1686 ihre ersten Schleusen, ein eigener Verbindungskanal folgte hundert Jahre später — und seit 1996 gehört sie mit dem Canal du Midi zum UNESCO-Welterbe.

Und was floss auf ihr? Vor allem zwei Dinge, die diese Landschaft prägen: Salz aus den Salinen an den Étangs und Wein aus dem Hinterland, beides auf Lastkähnen, gezogen von Pferden auf dem Treidelpfad — demselben Pfad, auf dem heute unsere Gäste morgens laufen. Auf der Militärkarte steht direkt gegenüber von uns, auf der anderen Kanalseite, „Ancienne Saline": die alte Saline. Und auf der Cassini-Karte, ein paar hundert Meter flussabwärts, „Poste des Employés" — vermutlich ein Posten der Beamten, die die Salzsteuer eintrieben. Wer hier eine Schäferei hatte, lebte direkt an einer der wichtigsten Handelsstraßen der Region — nur dass sie aus Wasser war.

Eine Spaziergängerin auf dem Kiesweg am Kanal, links ein altes Steingebäude und eine Reihe Platanen, rechts das Wasser der Robine im Abendlicht
Abendrunde auf dem Treidelpfad: Hier zogen einmal Pferde die Salzkähne Richtung Meer.

Von der Stadt bis zum Meer

Wer die Geschichte nachfahren will, braucht ein Fahrrad und einen halben Tag. Von unserem Haus sind es rund 7 Kilometer stadteinwärts bis zum Pont des Marchands — und in die andere Richtung gut 20 Kilometer bis zur Mündung. Der Treidelpfad ist durchgehend als Voie verte ausgebaut, flach und autofrei.

Richtung Narbonne: Über die Schleuse von Mandirac und die Écluse de Narbonne mitten in der Stadt. Am Ziel: der Pont des Marchands, die Kathedrale, Les Halles — und das Römermuseum Narbo Via, das die Hafenstadt zeigt, die Narbonne einmal war.

Richtung Meer: Ab Mandirac wird die Landschaft weit und still. Der Kanal läuft auf einem schmalen Damm zwischen den Étangs von Bages und Sigean, links und rechts Wasser, Salzwiesen und Flamingos. Am Grand Mandirac liegt die alte Werft, in der historische Holzboote restauriert werden. Weiter südlich die Île Sainte-Lucie, ein Naturreservat mit Pinien, Steinbrüchen und Blick über die ganze Lagune, dann die Salinen, und schließlich Port-la-Nouvelle, wo die Robine ins Mittelmeer mündet — dort, wo das Salz einmal aufs Meer verladen wurde.

Zwei Flamingos waten durch den flachen Étang, ihre Spiegelbilder auf der stillen Wasseroberfläche
Ein gelbes Fischerboot liegt spiegelglatt auf dem stillen Étang, dahinter Salzwiesen und Pinien

Zwischen den Étangs: Flamingos und stille Wasserwege Richtung Île Sainte-Lucie und Meer.

Alles, was zwischen Stadt und Meer liegt, ist Teil des Parc naturel régional de la Narbonnaise — mehr zu Vögeln, Salinen und Winterlicht steht in unserem Winter-Artikel, mehr zum Radfahren im Rad-Artikel.

Häufige Fragen

Wie alt ist das Haus wirklich?
Ehrlich: Wir wissen es nicht auf das Jahr. Eine Schäferei an dieser Stelle ist auf der Cassini-Karte aus dem 18. Jahrhundert eingezeichnet, der Name Carbonel steht spätestens 1825 im napoleonischen Kataster. Wie viel von der alten Bausubstanz in unseren Mauern steckt, versuchen wir gerade über das historische Kataster herauszufinden.
Woher kommt der Name La Carbonnelle?
Sehr wahrscheinlich von der „Bergerie Carbonel", die 1825 im napoleonischen Kataster und um 1850 auf der Militärkarte an unserer Stelle verzeichnet ist — Carbonel dürfte der Name des Besitzers gewesen sein. Auf der IGN-Karte von 1950 heißt der Ort bereits „la Carbonnelle".
Sind die Betonfässer echt?
Ja. Es sind die originalen Cuves, in denen hier Wein lagerte — fünf Stück. Wir haben sie beim Umbau bewusst erhalten: Zwei bilden heute das Esszimmer des Masterpiece, eines den Durchgang, und zwei sind die Bäder von Masterpiece und Studio.
War die Robine wirklich einmal der Fluss Aude?
Ja. Bis zu einer großen Flut — nach der Überlieferung im Jahr 1316 — floss die Aude durch Narbonne und weiter zum Meer. Danach suchte sie sich ein neues Bett nördlich der Stadt, und das alte wurde zum Kanal.
Kann man den Kanal bis zum Meer entlangfahren?
Ja, der Treidelpfad ist von Narbonne bis Port-la-Nouvelle als autofreier Radweg ausgebaut, rund 30 Kilometer, komplett flach. Räder gibt es in Narbonne zu leihen.

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